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ETH Hauptgebäude – Rämihof, Zürich

Datum09. Dezember 2015

OrtZürich

ProjektETH Hauptgebäude - Rämihof, Zürich

WettbewerbSanierung ETH Hauptgebäude Vorplatz und Rämihofgarage

AuftraggeberETH Zürich

ArchitektBoltshauser Architekten, Zürich

IngenieurBasler & Hofmann, Zürich

Auszeichnung1. Rang / 1. Preis

1. Rang mit Boltshauser Architekten, Zürich

 

KAMELIENDAME

Wirkungsvoller Auftakt

Die Inszenierung der Totalen und die räumliche Konfiguration des Ehrenhofes stehen im Zentrum der Aufgabe. Der Neubau der Parkgarage ermöglicht eine neue Platzgestaltung, die stadträumlich über mehrere Ebenen wahrgenommen werden kann. Räumlich bilden die Neufassung des Eingangsniveaus, die Aufwertung der Lichthöfe, sowie das Aufgreifen des Motivs des Ehrenhofes mit der Neuformulierung der Pergola die tragenden Elemente. Die Platzflächen des Ehrenhofes und der Lichthöfe werden mit einem Plattenbelag aus Gneis veredelt und bieten teppichartig eine Unterlage für den wirkungsvollen Auftritt des Hauptportals. Die handwerkliche Machart, die autochthone Materialität, die Art der Verlegung und Formatierung stehen emblemisch für den Geist und die Systematik Gulls und hauchen dem Ort Leben und Wärme ein. Das bestehende Trottoir sowie das Niveau des Laubengangs werden leicht abgesenkt und ermöglichen mit einer sanften Rampe einen zentralen niveaufreien Zugang auch für Limousinen (Trottoirüberfahrt mit einem Anschlag von 3cm). Zwei die Mittelachse flankierende Brunnenanlagen werden neu als bodenbündige Springbrunnen konzipiert und ermöglichen eine hohe Flexibilität in der Nutzung der Platzfläche. In den Lichthöfen entfaltet sich eine Gegenwelt zur Platzebene. Die Lichthöfe werden über zwei großzügig angelegte Treppenanlagen erschlossen. Das Niveau der Lichthöfe wird wieder auf die ursprüngliche Höhe gesetzt, somit erhalten die Fassaden der Seitenflügel wieder die richtige Proportion. Die begrünten Höfe werden als integraler Bestandteil des Ehrenhofes präsent und erlebbar. Herbstblühende, aufgeastete Duftkamelien (Camellia sasanqua in verschiedenen Sorten) wurzeln in der neu gewonnenen Bodenstärke und eröffnen eine Gegenwelt zur obigen Platzebene. Die Art ist bei uns ausreichend winterhart. Die Art wurde in Zusammenarbeit mit einem Kamelienspezialisten definiert.

Sie wurde seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbreitet in repräsentativen Schlossgärten –u.a. Dresden, gepflanzt und symbolisiert in der Überlieferung Freundschaft, Eleganz und Harmonie – allesamt Tugenden der ikonographischen Architektur des Hauptgebäudes der ETH. Einprägsame, stimmungs-volle Höfe eröffnen den Besuchern unter-schiedliche Gefühlsmomente. Denkbar ist auch eine Bespielung mit neuen Nutzungen im Gebäudesockel, beispielsweise mit einem Studentenkaffee oder einem Buchladen. In der Wandnische der Hofarkade steht die Büste von Gustav Gull. Als letzter verortbarer Zeuge verbürgt dieser die Erinnerung an die Kontinuität des Ortes, steigert die Monumentalität und der öffentlichen Anspruch der Anlage und nimmt den Dialog mit dem Denkmal Gottfried Semper auf der Nordterrasse auf. Als weitere wesentliche Haltung gilt das Aufgreifen des Motivs der Pergola, wie einst von Gull in seinem Entwurf angedacht. Diese setzt jeweils an den seitlich bestehenden Arkaden an und bildet in der Mittelachse eine Torsituation, wodurch die Adressbildung geklärt wird. Der Vorplatz oder „Ehrenhof“ wird dadurch neu gefasst und zur Rämistraße hin räumlich abgegrenzt und funktioniert weiterhin als Schwelle zwischen Straße und Hof. Die Treppenstufen gleichen jeweils die vorhandenen Niveaudifferenzen aus. Mit der Setzung der Pergola und durch das Beleben der Lichthöfe als Aufenthaltsort entstehen auf den unterschiedlichen Niveaus räumlich starke Momente, die der ETH zur gewünschten Auftaktsituation verhelfen.

Neue Potentiale - Seitenterrassen als arkadische Landschaften

Mit der angedachten Konzeption im Ehrenhof sowie dem nicht mehr zwingend notwendigen Autozufahrt ab der Tannenstraße werden große Potentiale für die Seitenterrassen freigespielt. An die seitlichen Terrassen richtet sich die Frage über die Vergangenheit und die Werte des Ortes an die Öffentlichkeit. Gartendenkmalpflegerisch werden die Bereiche ausgeräumt und geklärt. Mit wenigen ergänzenden Pflanzensetzungen - wie liegende Buchsbaumkörper oder präzise Baumverortungen vor dem Eingangsportal - werden die räumlich prägnanten Sockel mit zugehörigen Ausstaffierungen wie Parterres, Rampen und Treppen von Gottfried Semper zurück gewonnen. Da die Abfahrt ab der Tannenstraße in den Hof für Fahrzeuge nicht mehr gebraucht wird, eröffnet sich für die künftige Gestaltung hier ein großes Potential: Auf die Rampenzufahrt könnte verzichtet werden, wenn im Zuge der Planung für die Polyterrassen ein geeigneter Standort für den Veloraum gefunden werden könnte. Die geometrische Treppen- und Rampenfigur könnte an dieser Stelle
komplettiert werden und die Treppe zur Hofverbindung analog der Terrasse an der Karl-Schmid-Straße angelegt werden.

 

Die Aura der Laube als Artefakt

Das Fügen der neuen Elemente beabsichtigt eine einheitliche Sprachfindung, die mit dem Bestand in einen Dialog treten kann. Vorhandene Themen werden aufgegriffen und verstärkt, setzen sich jedoch durch Transformation und Interpretation wohlwollend ab. Die steinerne, massive Architektur von Semper und Gull - die Fügungen von Natur- und Kunststeinplatten - sind wichtige Themen. Der Bodenbelag mit großzügigen Gneisplatten entlang der Rämistraße bzw. unter der neu vorgeschlagenen Pergola wird ebenfalls wieder hergestellt.
Durch das unterschiedliche Fugenbild der Bodenbeläge wird zwischen den Plätzen hierarchisiert und somit gewinnen die Ebenen auf eine subtile Art und Weise an Vielfältigkeit und Qualität. Die Bodenbelagsmuster mit den unterschiedlichen geometrischen Formen, Ausrichtungen und Proportionen werden auch in den architektonischen Elementen thematisiert. So nimmt die Pergola die Geometrie der Bodenplatten auf und entwickelt daraus das Motiv der räumlich gefassten Kuppelform. Es entsteht ein harmonisches Ensemble in der perspektivischen Wahrnehmung wie in der Totalen.

Die Logik des Fügens der Natur- und Kunststeinblöcke, die Atmosphäre und die Haptik kommen auch bei den neu vorgeschlagenen architektonischen Elemente zum Ausdruck. Im Rahmen der Umbauten und Erweiterungsmaßnahmen von 1915-1924 wurde der Fassadenverkleidung von Semper, bestehend aus grünem Ostermundiger Sandstein, künstliche Steinquader vorgesetzt. Die vorgeblendete Kunststeinfassade von Gustav Gull basiert auf einer Rezeptur, welche den bestehenden Sandstein in der Farbigkeit und haptischen Wahrnehmung möglichst imitieren soll. Als Sandzuschlag wurde grüner Sand verwendet, wobei das eisenhaltige Schichtsilikat der farbgebende Bestandteil ist. Diese Silikate kommen auch beim Ostermundiger Sandstein vor, somit konnte in der Farbigkeit ein sehr präzis imitiertes Kunststeinsurrogat hergestellt werden. Abgesehen von den Bodenbelägen und den Sitzbänken, welche aus Gneisplatten bestehen, werden die neu erstellten Elemente mit einer möglichst ähnlichen Rezeptur hergestellt wie diejenige von Gull. Die Struktur der Pergola, wie Stützen und Träger sollen als vorgefertigte Elemente ausgeführt werden. Ebenfalls vorfabriziert sind die dazwischen liegenden Kuppeln. Diese erhalten durch eingelegte Klinkersteine eine Einzigartigkeit in Material und Wahrnehmung. Die obere Glasöffnung bringt das natürliche Licht in die Kuppeln und unterstreicht zusätzlich die räumliche Figur. Die Geländer der zwei Treppenanlagen sind als vorgefertigte Elemente gedacht, Wände und Treppenstufen hingegen werden vor Ort betoniert. Es entsteht eine Differenzierung und ein Zusammenfügen zwischen vorgefertigten und vor Ort betonierten Elementen. Das Wechselspiel des Materials in seiner unterschiedlichen Herstellungs- und Ausführungsform kommt hier zum Ausdruck und soll Zeuge heutiger Zeit sein.

 

Organisation Tiefgarage

Die Tiefgarage wie auch die Verkehrsführung werden neu organisiert. Im 2. Untergeschoss befindet sich neu die Anlieferung, was wesentliche Vorteile bezüglich Platzverhältnisse und Funktionalität aufweist. Dieses Geschoss wird direkt von der bestehenden Zu-/ Ausfahrt (Karl-Schmid-Straße) über eine Rampe erreicht. Die gesamte Fläche des 2. Untergeschosses weist eine Höhe von 3.80 m auf und kann somit als Anlieferung für die Druckerei/Post sowie auch für die Schreinerei benutzt werden. Über zwei große Warenlifte kann das Material vom 2. UG bis ins 1. UG gebracht werden. Das 1. UG ist ein reines Parkgeschoss für Personenwagen. Dieses wird über eine interne Rampe erreicht.