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Westbahnhof Solothurn

Datum20. November 2018

WettbewerbStudienauftrag

ArchitektRolf Mühlethaler

ThemaWestbahnhof Solothurn

Auszeichnung1. Platz

Ein Bahnhof ist ein Bahnhof

Der vom Bahn-Architekten Rudolf Ludwig Maring 1857 erbaute Westbahnhof ist verkehrstechnisch und siedlungshistorisch von grosser Bedeutung. Seine städtebauliche Position in der Achse der Westbahnhofstrasse ist initialisierender Teil des städtebaulichen Gedankengutes des Westringquartiers und trägt mit seiner bescheidenen Ikonographie zur Identität des Ortes einen entscheidenden Beitrag bei. Das filigrane Hausperron sowie die symmetrischen  Pavillonbauten sind integraler Bestandteil des Bahnhofensembles und des Aufnahmegebäudes. Bemerkenswert ist, wie städtebaulich passend sich der Westbahnhof den heutigen Frequenzen entsprechend behauptet und im Quartier nicht weg zu denken ist.

 

Stadt des 19. Jahrhunderts

Im " PLAN ZU EINEM NEUEN STADTQUARTIERE " von Alfred Zschokke aus dem Jahr 1862 sind die wesentlichen, auch heute noch Freiraum- und Architekturprägenden Charakteristiken skizziert. Unterschiedlich grosse Blockrandbebauungen und frei stehende Repräsentationsbauten prägen mit ihrem klugen, einfachen und dennoch differenzierten Vokabular die erste Stadterweiterung von Solothurn. Zentrales Element des an der Bahnlinie orthogonalen Strassenrasters bildet die räumlich leicht abgfallende Achse zwischen dem um 45 Grad abgedrehten Amtshausplatz und dem Westbahnhof. Mit ihrer Dimension und den Platanen- und Lindenreihen bildet die Westbahnhofstrasse das städtebauliche Rückgrat zwischen der Altstadt und dem Bahnhof.

Teil des städtebaulichen Verständnisses ist, freilich immer innerhalb der Bebauungsregeln eine Variierung der Bautypen in ihrer Höhe, ihrer Repräsentanz und ihrer Freistellung.

Schön proportionierte Platz- und Strassenräume, durchaus belebt durch die Koexistenz von Verkehr und Fussgängerinnen und Fussgängern ,bilden die städtische Seite, ruhige Innenhöfe dienen dem Rückzug und der Ruhe. Die blockübergreifende Verbindung, Durchlässigkeit und Interaktion zwischen den Orten ist grundlegend und charakteristisch für das Westringquartier. Weiterbauen und verwenden, was brauchbar ist, hat im Umgang mit historischen Städten, Quartieren und Bauten eine grosse Selbstverständlichkeit und Tradition. Der Aufbau auf dem Vorhandenen und das Weiterbauen auf dem Prinzip ‘nichts zu zerstören, wenn es

nicht notwendig ist‘ führt zu einer hohen Verbundenheit der Menschen mit ihrer Heimat.

 

Drei in ihrer Höhe differenzierte Hofhäuser prägen um den identitätsstiftenden, zentralen  Bahnhof die letzten Bausteine  und vervollständigen die  Stadt des 19. Jahrhunderts. Dem raumhaltigen Städtebauverständnis entnommen bieten die tiefen Gebäude dem Bahnhofplatz eine stattliche und attraktiv bespielbare Fassade an, lösen die Lärmproblematik konzeptionell mit den Mitteln der Architektur und relativieren durch ihre Präsenz den problematischen Westabschluss. Den Erdgeschossnutzungen liegt der Bahnhofplatz zur Aneignung vor den Füssen. Überhöhen im Erdgeschoss und den Obergeschossen lassen einer sich verändernden Nutzungsvielfalt  alle Optionen offen und stellen eine langfristig verantwortungsvolle Investition einer kurzfristigen aber unflexiblen Strategie  entgegen. Der Typus Familistère  von Jean-Baptiste-André  Gidon von 1859 scheint als städtebaulich, architektonische wie auch als soziale Referenz und Analogie wie geschaffen und hat nichts an seiner innovativen Kraft eingebüsst. Das Hofhaus bietet neben der bekannten Effizienz die Tugend der raumbildenden, städtischen und öffentlichen  Strassen- und Platzfassaden sowie die Möglichkeit der kontemplativen Einkehr nach Innen. Im Erdgeschoss kann der grosse Fussabdruck wunderbar für Gewerbe- und Ladennutzungen sowie für die Velo- und Erschliessungsräume genutzt werden.

 

Strassen- und Freiräume

Den künstlerischen und geometrischen Grundsätzen des Städtebaus im 19. Jahrhundert folgend entwickeln sich grosszügige Strassen- und Platzräume mit einem eigenständigen, aber differenzierten Duktus. Camillo Sitte postulierte die Ästhetik des unregelmässigen Stadtraumes nach den Kriterien der Wahrnehmung und des Gebrauchs. Die einzelnen Strassenzüge haben unterschiedliche Anforderungen und differenzieren sich in der räumlichen Wahrnehmung und im funktionalen Querschnitt. Dies ist Voraussetzung für eine feinjustierte Zusammenführung der unterschiedlichen Funktionen und Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmer, der Passanten und der lokalen Bewohner und führt zu einen feinen Zusammenspiel verschiedenster Atmosphären.

Linden in unterschiedlich breiten Ständen überhöhen die Perspektivische Wirkung an der Wengistrasse und sind wichtiges städtebauliches Rückgrat im Quartier zwischen dem Bahnhof- und dem Amtshausplatz. Der Westbahnhofplatz wird als Leerraum in seiner ursprünglichen Proportion räumlich geklärt und wieder gestärkt. Primär ist er Umsteige und Durchgangsraum. Lateral anlagernde neue EG-Nutzungen wirken unterstützend, damit der Platz wieder Kristallisationspunkt im Quartier werden kann.

Stattlich aufwachsende Platanen überspannen die Poststrasse und relativieren die beiden unterschiedlich ausformulierten Strassenseiten mit den divergierenden Erdgeschossen zwischen den Bestands- und den Neubauten. In den eigentlichen Wohnstrassen wurzeln Baumarten mit einem auffälligen Blüten- und Herbstlaubkleid. Weiss blühende Kobusmagnolien sowie Zierkirschbäume und dichten Gruppenständen schaffen differenzierte Aufenthalts-und Durchgangsräume im Zusammenspiel mit den privaten Vorzonen. Ein Vielfältiges Nebeneinander unterschiedlichster Bedürfnisse (Möblierung, Spielstrasse, Anlieferung, Kurzzeitparkierung, Abstellflächen, Vorzonen) im Zusammenspiel mit den angrenzenden öffentlichen und gemeinschaftlichen Erdgeschossnutzungen schafft ein grosses Potential für eine Etablierung der Quartierstrasse als Ort der Begegnung und somit eine Stärkung des gesamten Quartiers innerhalb des Stadtgefüges.

Drei massstäbliche Quartierplätze schreiben sich in die Strassenstruktur ein und sind wichtige Nahtstellen um Stadtgrundriss und im Alltag. Hoch aufwachsende Linden schaffen einen metaphysischen Bezug  zur monumentalen Quartierspina der Weststrasse sowie zu den Übergängen angrenzender Grünstrukturen benachbarter Quartiere.

Die Obachstrasse wird als landschaftliche Achse angedacht. Bäume in lockerem Stand begleiten den Strassenraumund eröffnen seitlich immer wieder Durchblicke in die Tiefe des Raumes.