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Garten Dorfstrasse, Trub

Bauherrprivat

ArchitektBoltshauser Architekten, Zürich

Planung und Realisierung2015-2017

Die umfangreiche Gesamtsanierung verhilft dem Garten des 250 Jahre alten Pfarrhauses von Trub zu einem zweiten Frühling. BesucherInnen aus Nah und Fern treff en an dem als Filmkulisse bekannten Idyll auf eine Neugestaltung, welche Motive des französischen Barockgartens und des von diesem abstammenden Bauerngartens mit einer Reflexion über Raum, Zeit und den Genius Loci verwebt.

Trub ist der Hauptort der gleichnamigen Talschaft im oberen Emmental, die sich von Trubschachen bis an den Napf hinauf erstreckt. Der Dorfplatz wird vom Gasthaus Löwen und vom Nachfolgebau des 1528 säkularisierten, einst mächtigen Benediktinerklosters beherrscht. Weiter oben reihen sich entlang der Dorfstrasse u. a. die Kirche, die Aufb ahrungshalle mit dem alten Feuerwehrmagazin gleich gegenüber, weiter oben das Pfarrhaus und das als Garage umgenutzte Ofenhaus zu einem idealtypischenDorfensemble auf. Die Kirche war Mitte des 17. Jahrhunderts nach einem Brand wieder aufgebaut worden. Das Pfarrhaus entstand 1753-56 unter Architekt Ludwig Emanuel Zehender als einer der weiss verputzten Kuben, mit denen sich die Republik Bern imposant in die Landschaft en ihres Territoriums einschrieb. Garten und Pfarrhaus waren bis vor kurzem im Besitz des Kantons. Nach einem Handwechsel sind sie umfassend saniert und umgebaut worden.

Der ehemalige Pfarrgarten nimmt ein trapezförmiges Plateau an der südlichen Längsseite des Pfarrhauses ein. Die brusthohe Einfriedung durch den instand gestellten Bretterzaun schützt, lädt aber auch ein, ins Garteninnere zu schauen, macht gleichsam Zaungäste. Innen entlang dieser Schranke verläuft ein gekiester Ringweg, begleitet von zwei üppig bewachsenen Krautstreifen, auf denen in einem abwechslungsreichen Jahreszyklus der Flor einer umfangreichen Pflanzensammlung erblüht. Kleine Ausweitungen des Ringwegs fangen die Achsen der Anlage auf. Ein Kranz von Felsenbirnen als markantestes Element der Bordüre gibt der Gesamtanlage räumlichen Halt. Mit ihren bis auf die Höhe eines virtuellen Horizontes geweissten Stämmen beschwören die sich in lichtem Laub verästelnden Heister das Bild eines dem Haus vorgelagerten Kreuzganges. Am Übergang vom Garten zum Haus weitet sich der Ringweg zu einem grosszügigen gekiesten Vorbereich und Sitzplatz. Hier ranken ein Aprikosenspalier, eine alte Rebe und Kletterrosen an der Hauswand empor.

Mit ursprünglich vier Buchsparterres stand schon der alte Pfarrgarten in der Tradition der berühmten Emmentaler Bauerngärten. Zwei dieser Parterres hatten im südlichen Gartenabschnitt überlebt. Teile von ihnen sind nun in einem neuen grossen Buchsparterre wiederverwendet worden. Eine Handvoll kleinerer neuer Buchsparterres ist in freier Komposition über die zentrale Rasenfläche gestreut. Ihre Abmessungen sind nach dem System der bereits im Mittelalter geläufigen Quadratur aus der Schmalseite des grossen Parterres, der Diagonale eines entsprechenden Quadrates und deren Seitenhalbierenden abgeleitet.

Jedes Parterre erzählt eine Geschichte. Das grosse in der Mitte erinnert mit einer überquellenden Fülle von Gemüsen und Blumen an die ursprüngliche Nutzung der Bauerngärten als Produktionsgärten. Das kleinste, einen prachtvoll blühenden Clerodendron einfassend, setzt sich am Übergang zwischen Kiesfl äche und Rasen keck in den Vordergrund des Ausblicks, der sich vom Sitzplatz beim Haus aus bietet. Ein weiteres Parterre einnehmend, steht eine Eibe in der Mittelachse des Hauses. Der skulptural geschnittene Totenbaum ersetzt eine ältere Eibe, die als Wächter einst dem Pfarrer den Weg zur Kirche und zum Friedhof, später auch zur Aufb ahrungshalle wies. (Vom alten Friedhof hinter der Kirche sind heute noch wenige Gräber sichtbar und ein grosser Lebensbaum erhalten.) Ein in feuerrotem Laub erstrahlender Tupelobaum schliesslich vervollständigt die Gruppe der drei Symbolbäume im Garten, welche untereinander ein gleichseitiges Dreieck aufspannen.

Zum Verweilen, zur Kontemplation laden verschiedene Orte ein. In der Sommerhitze beispielsweise das Schattenplätzchen nahe der Abdankungshalle, an dem auch ein kleiner Brunnen für Frische sorgt. In der Winterkälte beispielsweise der Sitzplatz vor dem Haus, auf den die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne fallen. Zu den Fundstücken der alten Anlage gehört ein mit Steinplatten im Boden eingelegtes Zeichen beim Clerodendron. Das Symbol Plutos, des mythologischen Herrschers über die Unterwelt, das Totenreich? Als der gleichnamige Zwergplanet am längsten Tag des Jahres über dem Horizont aufgeht, steht der nördlichste Stern der Krone, also des Sternbildes Corona Borealis, vom Sitzplatz vor dem Haus aus gesehen genau über der Spitze des Kirchturms, der südlichste über dem Wipfel des Tupelobaums.

In sternklaren Nächten wölbt sich über dem Garten in dem abgelegenen Tal ohnehin ein Sternenhimmel, der nur mit altmodischen Namen wie Firmament oder Himmelszelt adäquat zu charakterisieren ist. Was ist ein Garten? Ein Ort der Sehnsucht, an dem die Widersprüche, die Gegensätze zwischen Natur und Kultur, zwischen Permanenz und Wandel, dem Profanen und dem Heiligen, dem Ephemeren und dem Bleibenden, zwischen individuellem Erleben und universell geltenden Regeln versöhnt werden? Ein Ort, an dem sich die Lust am Wissen und am Gestalten, am Säen, Sammeln und Ernten, am Schauen, Riechen und Spüren erfüllt? Ein Ort, an dem eine Idee Gestalt annimmt, um sich im Verlauf der Jahreszeiten und der Jahre zu wandeln, anderen Ideen seine Gestalt zu leihen? Christus wurde am Tag seiner Auferstehung von Maria Magdalena für einen Gärtner gehalten.

Der Garten von Trub ist ein Ort, der vom Setzen und Aufbrechen von Grenzen, von Permanenz und Transgression erzählt, dazu auff ordert, über Eigenes und Fremdes, über Vergangenes und Kommendes nachzudenken. Es ist, als möchte er in Gestalt des alten Vogelbeerbaums und der Obstbäume auf der benachbarten Viehweide in die Kulturlandschaft hinaus wachsen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die Felsenbirne, im 19. Jahrhundert mit der Eisenbahn als Neophyt eingeschleppt und im Wald oberhalb des Hauses heimisch geworden, als konstituierendes Element der Anlage walten darf. Der neue Pfarrhausgarten von Trub ist der Tagtraum eines Landschaft sarchitekten, für den sich der Sinn eines Gartens zwar auch, aber bei weitem nicht nur im Schneiden der Hecken, im Mähen des Rasens, im Aufstellen eines Fussballtores für die Kinder erfüllt.

 

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